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Markus Kamann, Firma gpdm, BANG-Ausbildungsnetzwerke Paderborn

Lösungen für Ausbildungshemmnisse

Herr Kamann wurde mit dem hier dargestellten Fall für den Werner-Bonhoff-Preis-wider-den-§§-Dschungel 2014 nominiert.

„Bürokratie reduziert die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen.“ Zu diesem Ergebnis kommt Jun.-Prof. Dr. Anja Iseke von der Universität Paderborn, die in Zusammenarbeit mit der Beratungsgesellschaft gpdm (Gesellschaft für Projektierungs- und Dienstleistungsmanagement) an einem Projekt zu bürokratischen Ausbildungshemmnissen im gewerblich-technischen Bereich forscht. Markus Kamann, Geschäftsführer der gpdm, hat für dieses Problem mit dem Projekt „BANG-Ausbildungsnetzwerke“ eine für die betroffenen Unternehmen praktikable Lösung gefunden.

Markus Kamann ist zusammen mit seiner Frau Gründer und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft gpdm (Gesellschaft für Projektierungs- und Dienstleistungsmanagement)aus Paderborn. Kerngeschäft der gpdm ist die Entwicklung und Umsetzung von Potenzialprojekten unter anderem im Bereich Bildungsmanagement. Im Jahr 2000 beauftragte die Bundesagentur für Arbeit die gpdm damit, sich der Probleme des mangelnden Fachkräftenachwuchses im Metallgewerbe und der herrschenden Schwächen im Übergang von Schule zur Ausbildung anzunehmen. Unternehmen aus dem Metallgewerbe in Hövelhof, Kreis Paderborn waren an die Agentur für Arbeit herangetreten und hatten um Hilfe gebeten: sie fänden keine Ausbildungsbewerber, zudem fehlte es bei den ausbildungswilligen Unternehmen an den nötigen Ressourcen für die Durchführung der Ausbildung – zeitlich, personell oder maschinell. Die gpdm identifizierte folgende Problemfelder:

1. Schwieriges Matching – Jugendliche  und Ausbildungsstelle finden schwer zusammen

Obwohl die Ausbildungsmarktsituation in Deutschland vergleichsweise gut ist (mit 7,6 % die niedrigste Arbeitslosenquote in Europa bei den unter 25-jährigen, März 2013, Quelle: Berufsausbildungsbericht 2013 des BMBF), bleiben viele gemeldete Ausbildungsplätze unbesetzt (33.275 in 2012, Quelle: ebenda).

a) Besetzungsprobleme bei den Betrieben

Auf die Frage, warum im Unternehmen keine bzw. nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden konnten, gab die Mehrzahl der Unternehmer an, keine geeignete Bewerbung erhalten zu haben (Quelle: Umfrage der DIHK von 2010). Diese hohe Zahl ist ein Indiz für eine zentrale Herausforderung am Ausbildungsmarkt: das Bewerber-Matching. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen haben  oftmals nicht die Kapazitäten, um eine systematische Personalsuche zu betreiben.

Viele Betriebe, die ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen, schrecken darüber hinaus davor zurück, mit Externen und Behörden hinsichtlich ihrer Personalfragen zusammenzuarbeiten. Der Koordinierungsaufwand ist für die Unternehmen groß. Das Problem des Übergangs von Schule zu Beruf ist zwar von staatlicher Seite erkannt, jedoch ist die Vielzahl der Akteure und Ansätze für Firmen mit Bedarf nicht mehr zu überblicken (Übergangssystem der Schulen, Übergangscoaches, Ausbildungsbegleiter, Berufsberater, Ausbildungsplatzbörsen Berufsorientierungslehrer usw.).

b) Stellenfindungsprobleme bei den Jugendlichen

Hinzukommt, dass den Schulabgängern und potenziellen Auszubildenden die Berufsbilder der möglichen Ausbildungsberufe oft nicht klar sind. Es fehlt ihnen an Berufsorientierung. Dies mag erklären, warum viele Ausbildungen frühzeitig abgebrochen werden. Es sei schwierig, motivierten Nachwuchs zu bekommen, sagt ein Unternehmer aus Bielefeld.

Schulabgängern werden bei der Vermittlung durch die Arbeitsagentur vielfach in „Warteschleifen“, also in berufsvorbereitenden Maßnahmen untergebracht, weil der direkte Weg in die duale Ausbildung nicht gelungen ist. Dr. Thilo Pahl, Geschäftsführer für den Bereich Aus- und Weiterbildung der IHK Berlin verwendet in diesem Zusammenhang das Wort „Maßnahmendschungel“ Quelle: Tagesspiegel, Schüler sucht Lehrstelle, Lehrstelle sucht Schüler, Artikel vom 23.2.2014). Das staatliche Übergangssystem ist oft nicht effektiv. So führt es je nach Region, Maßnahme und Bildungsträger in 30-50% zum Abbruch oder in die Arbeitslosigkeit (Quelle: Beicht, Ursula (2009): Verbesserung der Ausbildungschancen oder sinnlose Warteschleife? Zur Bedeutung und Wirksamkeit von Bildungsgängen am Übergang Schule - Berufsausbildung. In:  BiBB Report 11/09. Bielefeld: W. Bertelsmann).

2. Betriebe können formelle Ausbildungskriterien nicht erfüllen

Viele kleine und mittelständische Betriebe bilden nicht aus, weil sie die formalen Ausbildungskriterien nicht erfüllen können. Laut Prof. Iseke reduziert Bürokratie die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen.

Die Kriterien, nach denen eine Berufsausbildung in Deutschland nach dem dualen System stattfinden darf, sind festgeschrieben in verschiedenen Gesetzeswerken, wie dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) und der Handwerksordnung (HwO), die rechtlichen Bestimmungen für die Berufsbildung enthalten. Eine wichtige Verordnung ist außerdem die Ausbilder-Eignungsverordnung, in der die Anforderungen an die berufs- und arbeitspädagogische Eignung von Ausbildern definiert sind. Nach § 4 dieser Verordnung muss eine im Betrieb beschäftigte Fachkraft eine formelle Ausbilderprüfung ablegen, um die Eignung von Ausbildungspersonal und –stätte gemäß §§ 27ff. BBiG nachzuweisen. 

Darüber hinaus gibt es für jeden vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), einer Anstalt des öffentlichen Rechts (§ 89 BBiG) anerkannten Ausbildungsberuf eine eigene Ausbildungsordnung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, §§ 4,5 BBiG.

Daneben regelt gemäß § 9 i.V.m. § 71 Abs. 2 BBiG die jeweilige Industrie- und Handelskammer (IHK) die Durchführung der Berufsausbildung für nichthandwerkliche Gewerbeberufe. So überwacht die IHK z.B. die Eignung der Ausbildungsstätte, führt ein Verzeichnis der Berufsausbildungsverhältnisse und erlässt die Prüfungsordnung.

Außerdem gibt das Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) Empfehlungen zur einheitlichen Anwendung des BBiG ab, so z. B. die „Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) vom 9.10.2012 für das Führen von Ausbildungsnachweisen“.

 

„Es muss viel personeller Aufwand für den Azubi betrieben werden, z.B. muss extra Personal für dessen Betreuung abgestellt werden“, sagt eine  Unternehmerin aus Bielefeld, die in ihrem Betrieb einen Auszubildenden beschäftigt. Oft fehlen den Unternehmen die nötigen zeitlichen, personellen, maschinellen oder auch fachlichen Ressourcen, um die Ausbildung entsprechend der Vorgaben der jeweiligen Ausbildungsordnung gewährleisten zu können.  „Viele Unternehmen  sind zu klein oder zu hochspezialisiert, um den Jugendlichen alle Ausbildungsinhalte zu vermitteln“, so Norbert Peitz, Vorsitzender BANG Hochstift.

Kamann bietet mit seinem Projekt BANG folgende Lösung für die bestehenden Probleme an:

Die gpdm entwickelte und vermarket das Konzept BANG (Berufliches Ausbildungs-Netzwerk im Gewerbebereich), ein regionaler Zusammenschluss kleiner und mittelständischer Unternehmen aus dem Metall- und Maschinenbaubereich mit dem Ziel der gemeinsamen Sicherung der Ausbildung neuer Fachkräfte.

Die BANG-Netzwerke sind dabei als Vereine organisiert und werden von den Mitgliederunternehmen finanziert. Der erster Verein „BANG Hövelhof“ wurde am 29. März 2001 von neun Unternehmen aus der Region gegründet. Mittlerweile gibt es insgesamt sechs Vereine: Hövelhof, Lippe, Bielefeld, Gütersloh und Hochsauerland und Hochstift mit ca. 130 Mitgliedsunternehmen und 100 weiteren Unternehmen, die sich um ca. 350 Azubis kümmern.

Hinter den BANG Netzwerken steckt folgende Idee: BANG fungiert als Dienstleister für die Unternehmen und ergänzt die Ausbildungsaktivitäten in Betrieb und Berufsschule (duales System) um eine dritte Säule.

Konkret kümmert sich BANG um die gesamte Ausbildung von der Anwerbung und Auswahl der Bewerber über das Erledigen des „Papierkrams“ über eine Hospitanz im jeweiligen Betrieb, einem 2-3 tägigen Workshop zu Beginn der Ausbildung bis hin zur Ergänzung bzw. Gewährleistung der theoretischen und praktischen Ausbildung über die betriebliche Betreuung und die Berufsschule hinaus.

Ansprache und Auswahl der Bewerber

Potenzielle Auszubildende werden teilweise bereits in der Schule von BANG über mögliche Ausbildungsberufe informiert. Dabei geht dieses „Bewerber-Matching“ weit über die herkömmlichen Wege, z.B. das Berufsinformationszentrum (BIZ) der Arbeitsagentur hinaus. BANG organisiert etwa umfassende Informationsveranstaltungen an den Schulen oder Jugendeinrichtungen, Berufswahltests, Unternehmensbesuche, Tage der offenen Tür, ein Sozialkompetenztraining, das praktische und berufsbezogene Aufgaben beinhaltet sowie ein Bewerbungstraining, das sich konkret an den Anforderungen der Unternehmen orientiert. Die Unternehmen können auch einzelne Wunschkandidaten testen lassen. Die Unternehmen bekommen so direkt gut geeignete Auszubildende, die sie auch nach der Ausbildung als Fachkräfte in ihren Betrieb integrieren können. Die Übernahmequote liegt nach eigenen Angaben bei 95 %.

Reduzierung des Ausbildungsaufwandes bei den Unternehmen

Die Auszubildenden werden durch das BANG-Netzwerk vor allem während der Ausbildung betreut, wodurch die Unternehmen erheblich entlastet werden. BANG übernimmt die Anmeldung der Azubis bei der Berufsschule und der IHK, die für die Prüfung zuständig ist, die Kontrolle der Berichtshefte und führt Feedback-Gespräche mit den Azubis. Durch eine intensive Betreuung der Azubis, welche in den Betrieben aus personellen Gründen zuweilen nicht geleistet werden kann, werden die Auszubildenden befähigt und motiviert, die Ausbildung zu Ende zu bringen. Die Abbrecherquote bei den von BANG betreuten Azubis ist mit 5 % sehr gering. 

Die Hauptleistung der BANG Netzwerke erbringen wohl die qualifizierten Regionalbetreuer (Firmenberatung) und die Trainingszentren. Hier werden die Ausbildungsaktivitäten der Unternehmen koordiniert. In den Trainingszentren der einzelnen BANG-Vereine werden praktische und theoretische Schulungen angeboten. Dies hat vor allem für kleine oder sehr spezialisierte Betriebe den Vorteil, dass der Auszubildende eine ganzheitliche Ausbildung erhält, auch wenn der Betrieb selbst z.B. für die praktische Ausbildung vorgeschriebene Maschinen zu Übungszwecken nicht vorhalten kann. In den Trainingszentren werden die Azubis von Fachkräften betreut und produzieren unter Anleitung echte Auftragsware für ihre Ausbildungsunternehmen, nicht etwa bloß Muster. Jeder der BANG-Vereine hat entweder ein eigenes Trainingszentrum oder ein Betrieb mit hinreichender technischen und personellen Ressource stellt entgeltlich seine Kapazitäten zur Verfügung oder es gibt eine Kooperation mit einem Bildungsunternehmen.

Durch die BANG-Netzwerke wird der Ausbildungsaufwand bei den Unternehmen reduziert und durch die Koordination der Unternehmen untereinander werden Kosten gespart. Manche Betriebe können so überhaupt erst vorschriftsgemäße Ausbildungsplätze anbieten. Außerdem wird die Qualität der Ausbildung verbessert.

Die Finanzierung des Projekts erfolgt zu größten Teil über die teilnehmenden Betriebe. Als Mitglieder eines der BANG-Vereine leisten sie einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Der Verein finanziert damit (gemäß Beitragsordnung ca. 65-85 Euro pro Azubi pro Tag) die Leistungen der gpdm. Die Trainingszentren werden durch direkte Investitionen der Mitgliedsunternehmen eingerichtet. So investierten in das Trainingszentrum des BANG-Netzwerks Verl fünf Unternehmen insgesamt 500.000 Euro. Neben den regulären Mitgliedern gibt es auch Fördermitglieder, typischerweise Städte, lokale Kreditinstitute oder Maschinenhändler. In Verl hat die Stadt die Miete der ersten zwei Jahre für das Trainingszentrum übernommen.

Ergänzende Projekte der gpdm: „Arena 4You“ und „Formel 1 in der Schule“

Das Projekt „Arena 4You“ erklärt Schülern Berufsbilder am praktischen Bespiel der Bewirtschaftung, Instandhaltung und des Veranstaltungsmanagements von Sportstadien und bietet so die Chance zur selbstorganisierten Berufsinformation und -orientierung. Die Finanzierung erfolgt durch private Sponsoren sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bei dem Technologiewettbewerb „Formel 1 in der Schule“, entwickeln Schüler einen Miniatur-Formel 1 Rennwagen, den sie anschließend ins Rennen schicken. Die Schüler  organisieren sich dabei selbst in Teams und lernen so aktiv technische Berufe kennen.

Kamann hat mit seinem Projekt den Preis „Ausbildungs-Ass 2011“ in der Kategorie Ausbildungs-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums gewonnen. Außerdem bekam er den im Rahmes des „Land der Ideen“-Wettbewerbs die Auszeichnung Bildungsidee 2012/2013 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung verliehen.

 

Stand der Falldarstellung: 02/2014

 

Herr Kamann wurde mit dem hier dargestellten Fall für den Werner-Bonhoff-Preis-wider-den-§§-Dschungel 2014 nominiert.

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