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Meldung 2805

Manchmal lässt sich Bürokratie auch durch Witz überwinden

Ein Gelegenheitslyriker, der sich im Übrigen als Kleinunternehmer zur Erledigung unterschiedlichster Aufträge wie handwerklicher Reparaturen betätigt, hatte auf einem der jährlich im Münchener Luitpoldpark stattfindenden Theaterfestivals selbstverfasste und – gedruckte Liedtexte und Gedichte für 5 DM pro Heftchen feilgeboten. Das Kreisverwaltungsamt verhängte auf eine Anzeige der Polizei hin einen Bußgeldbescheid über 200 DM gegen ihn, weil er seine Texte an Wochenenden, also außerhalb der Ladenöffnungszeiten verkauft und zudem keine Reisegewerbekarte hatte.

Wer in Deutschland gewerbsmäßig, ohne vorhergehende Bestellung und ohne eine gewerbliche Niederlassung zu haben, in eigener Person Waren feilbietet, betreibt ein Reisegewerbe, für das er eine Erlaubnis - dokumentiert durch eine Reisegewerbekarte - benötigt (§ 55 Abs.1 und 2 Gewerbeordnung - GewO). Bei Verstoß gegen die Erlaubnispflicht kann gemäß § 145 GewO eine Geldbuße verhängt werden.

Gegen den Bußgeldbescheid legte der Lyriker Widerspruch in der Form von sich reimenden witzigen Vierzeilern ein, in denen er die Geringfügigkeit seines Vergehens in humorvoller Weise deutlich machte.

In der Verhandlung vor dem Amtsgericht waren hundert Zuschauer anwesend, darunter eine Schulklasse. Der Richter machte sich den Spaß, den gereimten Einspruch zu Beginn der Verhandlung vorzutragen, in der der Beschuldigte sich mit witzigen Formulierungen wacker zu schlagen wusste:

Alle Dichter (außer Goethe)
haben finanzielle Nöte.
Deshalb hatte Dieter G.
kürzlich folgende Idee:

Weil im Park hier vor sechs Uhr
gar nichts los ist, nur Natur,
verkaufe ich für drei Mark fünfzig
meine Lyrik, das ist günstig.

Dies geschah vergangenem Jahr
und als ich mit Freude sah,
dass die Leute wirklich kaufen
(weil sie was zu lesen brauchen),
machte ich`s wie Dieter G.,
den ich ab und zu mal seh´.

Als die Polizei erschien,
waren fünfzig Mark verdient.
Dieses klingt nach Bösewicht,
Hand auf`s Herz, das bin ich nicht.

Erstens: was ist schon dabei
Zweitens: Noch dazu im Mai
Drittens: war ein Feiertag
Viertens: Pfeif I wens I sag.

Der Amtsrichter empfahl ihm schließlich, sich für die Zukunft eine Reisegewerbekarte zu besorgen, und stellte das Verfahren wegen Geringfügigkeit ein. Er zog dann seine Robe aus und kaufte ein Lyrik-Heftchen für 5 DM, nachdem er den Autor auf dessen Frage hin schon zuvor belehrt hatte, dass er seine Verse an die Zuschauer im Saal, auch ohne im Besitz einer Reisegewerbekarte zu sein, verkaufen könnte, weil das eine Bestellung und somit keine reisegewerbliche Tätigkeit wäre.

Stand der Falldarstellung: 2006

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